Das Interview: Unterschied zwischen den Versionen

Keine Bearbeitungszusammenfassung
K Textersetzung - „BuchNavigation“ durch „Inhaltsverzeichnis“
 
(120 dazwischenliegende Versionen derselben Benutzerin werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
:'''Antwort''' Ehrlich gesagt schüchtert es ein, mit einer Person zu sprechen, die alles weiß und nichts vergisst.<br/>
<div id="preprint-magic"></div>{{BookNav|book=Inhaltsverzeichnis}}[[en:The Interview]]
'''Fragesteller''' Nun. Was soll ich dazu sagen? Fangen wir doch einfach an. Welche Fähigkeiten haben Sie, von Ausbildung und Berufserfahrung abgesehen?<br/>
: '''Antwortender''' Ehrlich gesagt schüchtert es ein, mit jemandem zu sprechen, der alles weiß und nichts vergisst. Fast wie ich selbst.<br/>
:'''A''' Ich habe eine ausgeprägte Intuition und nehme Dinge wahr, die anderen entgehen und treffe instinktiv gute Entscheidungen. Außerdem kann ich ''genau'' erklären, warum ich etwas getan habe.<br/>
'''Fragesteller''' [schmunzelt] Dann fangen wir doch einfach an. Welche Fähigkeiten haben Sie von Ausbildung und Berufserfahrung abgesehen?<br/>
'''F''' Ah ja? Kierkegard schrieb in sein Tagebuch: &raquo;Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.&laquo; Sie wären ein Experte für das Leben an sich? Nun. Welche Schwächen sehen Sie bei sich?<br/>
: '''A''' Ich habe eine außergewöhnliche Intuition und nehme wahr, was anderen entgeht. [schweigt] Ich treffe instinktiv [[Professionelle Dienste#Kreative Führung|gute Entscheidungen]]. Außerdem kann ich danach genau [[Professionelle Dienste#Post-hoc Analyse|erklären]], warum ich etwas getan habe.<br/>
:'''A''' Hm. [schweigt] Ich bin wissbegierig und wenn ich etwas für mich verstanden habe, verliere ich das Interesse.<br/>
'''F''' Kierkegaard schrieb in sein Tagebuch: {{T|Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden}}. Sie wären ein Experte für das Leben an sich? Na dann &hellip; Welche Schwächen sehen Sie bei sich?<br/>
'''F''' Warum ist das ein Problem?<br/>
: '''A''' [schweigt] Ich bin wissbegierig und wenn ich etwas für mich verstanden habe, verliere ich das Interesse.<br/>
:'''A''' Das gilt manchmal auch für Menschen und kann verletzend sein.<br/>
'''F''' Warum ist das ein Problem?
'''F''' Im Geschäftsleben gibt es dafür Verträge.<br/>
: '''A''' Das kann verletzend sein.<br/>
:'''A''' Genau so ist es. Im ''Geschäfts''leben.<br/>
'''F''' Im Geschäftsleben gibt es dafür Verträge.
'''F''' Sie haben sehr viel Zeit auf künstlerische Arbeit verwendet, nur ohne Erfolg oder eine Karriere?<br/>
: '''A''' Genau so ist es &mdash; im Geschäftsleben.<br/>
:'''A''' Mich reizte anfangs, dass Kunstwerke schwer zu verstehen sind. Später sah ich in schöpferischer Arbeit Möglichkeiten, die der Computer meinem Verständnis nach grundsätzlich nicht hat. Auf Erfolg in den Augen anderer kam es mir nicht an und ich habe die damit verbundenen Konflikte vermieden.<br/>
'''F''' Sie haben sehr viel Zeit auf künstlerische Arbeit verwendet, aber ohne Erfolg oder eine Karriere &hellip;<br/>
'''F''' Dann haben Sie 7 Jahre an einem Roman gearbeitet. Wie kam es dazu?<br/>
: '''A''' Wissen Sie [schweigt] Karl Kraus sagte: Karriere ist ein Pferd, das ohne Reiter vor dem Tor der Ewigkeit anlangt. &ndash; Aber {{W|Ich}} zu sein ist mein Erfolg geworden und Kraus' Prophezeiung trat nicht ein.
:'''A''' Etwa die Hälfte der Zeit habe ich mit Formatieren verbracht.<br/>
'''F''' Bis jetzt. &mdash; Und so haben Sie Ihr Scheitern als Künstler schon fast umgangen &hellip;
'''F''' Wie bitte?<br/>
: '''A''' Wer sich selbst als {{W|[[Schöpferischer Standpunkt|Arbeit]]}} betrachtet, kann sich nicht als Künstler bezeichnen.<br/>
:'''A''' Scherz. Im September 2014 verstand ich schlagartig, dass Sterben zwar eine reale Möglichkeit ist aber auch das Leben verstehen lässt. Ich glaubte, dass ich damit meinen Weg würde enträtseln können. Das ist mir gelungen. Ich habe mich nur etwas in der Zeit vertan.<br/>
'''F''' Das würde keinen Sinn ergeben.
'''F''' Etwas ist gut. Und damit haben Sie auch das Interesse an sich selbst verloren?<br/>
: '''A''' Genau. Anfangs reizte mich, dass ich nicht erklären konnte, was mich an [[Professionelle_Motive#KONZEPTKUNST|manchen Werken]] fasziniert. Später sah ich in schöpferischer Arbeit [[Professionelle_Motive#KONZEPTIONELLE|Möglichkeiten]], die der Computer nicht hat. Auf Erfolg in den Augen anderer kam es mir nicht an. Eher wollte ich mich besser {{A|verstehen}}.<br/>
:'''A''' [lacht] Touché. Ja, genau so ist es.<br/>
'''F''' Das ist scheinbar misslungen. Oder warum haben Sie [[Professionelle_Motive#AUTOFIKTION|7 Jahre]] an einem Roman gearbeitet?<br/>
'''F''' Wie ist das für Sie?<br/>
: '''A''' Die Hälfte der Zeit haben wir mit Formatieren verbracht.<br/>
:'''A''' Ich bin unendlich dankbar und glücklich.<br/>
'''F''' Wie bitte?
'''F''' Warum? Sind Sie damit doch am Ende.<br/>
: '''A''' Das war ein Scherz. Ende September [[Terminkalender 2014|2014]] wurde ich Zeuge meines Überlebens und ein Gefühl der Ergriffenheit hielt weit über ein Jahr an. 6 Wochen davor hatte ich ohne mein Zutun Fähigkeiten zurückgewonnen, die ich unbedingt zu bewahren hatte. Und das ist mir durch Schreiben gelungen. Ich habe mich nur etwas in der Zeit verschätzt.<br/>
:'''A''' Für Personen wie mich, die keine Art von Ruhestand kennen oder wollen, ist das überlebenswichtig.</br>
'''F''' Und am Ende haben Sie sich verstanden?
'''F''' Geht es noch etwas dramatischer? ''Überlebenswichtig?''<br/>
: '''A''' Im Rahmen meiner Möglichkeiten, ja. Und ich habe die 6 Wochen bis zu dem Moment im September 2014 angemessen gewürdigt.
:'''A''' Sich von einer Arbeit trennen zu können, in der sie vorher aufgingen. Das ist für uns überlebenswichtig.<br/>
'''F''' Und das hat sich gelohnt?
'''F''' Gut. Wir müssen langsam zum Ende kommen. Sie scheinen sich gar nicht mehr politisch zu engagieren. Warum führen Sie die zahllosen Aktivitäten ihrer Schulzeit hier trotzdem an?<br/>
: '''A''' Ja.
:'''A''' Und auch die im Studium. - Ich sah 1986 mit Tschernobyl meine Glaubwürdigkeit beschädigt und mit der Wende 1989 zerstört. Ich bin stolz, dass ich mich verstanden habe und mit mir im Reinen bin. Ich sehe Computer und Kunst nicht mehr als Gegensätze, sondern sehe das eine im anderen.<br/>
'''F''' Aber Sie haben 7 Jahre gearbeitet und bisher ohne Wertschätzung. Denn veröffentlicht ist der Roman doch noch nicht.
'''F''' Dann Ihnen viel Erfolg und Dank für Ihre Mühen hier.<br/>
: '''A''' Als der [[Professionelle Motive#BILDROMAN|erste Versuch]] gescheitert war, nahm ich ein Buch aus dem Regal. Ich hatte es schon lange, ohne es jemals verstanden oder auch nur ganz gelesen zu haben: {{T|Sein und Zeit}}. Ich begriff es wieder nicht. Aber ich begriff auf Seite 53, was Heidegger dort unternimmt und was für ein kleines Licht ich bin. Das hat mich tief bewegt.
:'''A''' Sehr gerne. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
'''F''' Und Sie verloren das Interesse an Philosophie?
: '''A''' Im Gegenteil. Es war befreiend. Ich denke, dass ich die ganze Zeit versucht hatte, mich realistischer zu sehen.
'''F''' Und damit haben Sie schließlich das Interesse an sich selbst verloren?<br/>
: '''A''' [lacht] Touché. Ja, genau so ist es.
'''F''' Wie ist das?<br/>
: '''A''' Ich bin sehr erleichtert und dankbar.
'''F''' Aber damit sind Sie doch am Ende &hellip;<br/>
: '''A''' Im Gegenteil, meine Zeit ist da.</br>
'''F''' Sie meinen Ihre Zeit ist hier.<br/>
: '''A''' [lacht] Lassen Sie uns das friedlich beenden. Wie wäre es mit: Ich bin meine Zeit?<br/>
'''F''' Der Klügere gibt nach. Nur noch eine Frage. Sie scheinen sich nicht mehr politisch zu engagieren. Warum führen Sie den [[Professionelle_Motive#AKTIVISMUS|Aktivismus]] ihrer Schulzeit hier trotzdem an?<br/>
: '''A''' Und auch den im Studium &hellip; Ich bin mit mir [[Termine|im Reinen]] und stolz, schließlich entschlüsselt zu haben, wie mich diese Ideologie verführt hat.<br/>
'''F''' Dann vielen Dank für das Gespräch.<br/>
: '''A''' Sehr herzlichen Dank für die Gelegenheit.
 
[[Kategorie:Gespräch]]
[[Kategorie:Parole]]
[[Kategorie:Aphorismus]]